Der typisch österreichische Gemischte Satz erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance und einen Imagewandel. Mehrere heimische Winzer produzieren diesen Wein in hoher Qualität und in verschiedenen Stilen. Sei es klassisch, elegant, anspruchsvoll oder ungewöhnlich: Der Gemischte Satz ist wieder da!
Vorweg eine Begriffsklärung: Für einen Gemischten Satz werden mehrere verschiedene, in ein- und demselben Weingarten bunt gemischt ausgepflanzte weiße oder rote Rebsorten gemeinsam gelesen und zu Wein verarbeitet. Für eine Cuvée hingegen verschneidet man verschiedene reinsortige Weine, die zuvor jeweils einzeln ausgebaut wurden..

Es begann vor 2.000 Jahren
Die Geschichte des Gemischten Satzes reicht weit zurück: So empfahl der altrömische Agrar-Experte Columella schon vor 2.000 Jahren, "mit vier bis fünf Weinsorten das Glück der Weinlese zu erproben". Ähnliche Ratschläge finden sich über die Jahrhunderte hinweg in Weinbaulehrbüchern immer wieder. Manchmal wird zu einigen wenigen, dann wieder zu zehn bis zwölf Sorten geraten. Eine Quelle aus dem Jahr 1865 berichtet darüber, dass in Niederösterreich sogar bis zu 40 (!) verschiedene, gemeinsam in einem Weingarten gepflanzte Sorten keine Seltenheit seien.

Praktisch in allen Weinbauregionen der Welt war die Bepflanzung eines Weingartens mit unterschiedlichen Rebsorten – und die Herstellung eines nicht immer so genannten Gemischten Satzes – etwa bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die vorherrschende Praxis. Alte, kranke oder abgestorbene Rebstöcke wurden durch neue ersetzt, meist ohne große Rücksichtnahme auf die Rebsorte, sofern diese überhaupt bekannt war.
Erst ab ca. 1900 wurden gezielt bessere Rebklone gezüchtet sowie Weinberge nach und nach rebsortenrein bepflanzt. Damit verlor der Gemischte Satz allmählich seine überragende Bedeutung. Und die alles entscheidende Frage nach dem richtigen Zeitpunkt der Lese wurde immer wichtiger. Im gemischt gepflanzten Weingarten hingegen kam es auf zwei oder drei Tage nicht an.
Geige oder Orchester?
Die Ansprüche, die früher an den Wein gestellt wurden, sind nicht mit jenen von heute vergleichbar. Masse kam vor Qualität, Wein löschte den Durst und lieferte Kalorien. In Haushalten, Gasthäusern, Schenken und beim Heurigen, in Armeen und für die Arbeiter in der Landwirtschaft brauchte man große Mengen stets gleich schmeckender Weine. Ziel der meisten Winzer war es, Wein zu produzieren, der mindestens trinkbar war. Mit etwas Wetterglück und entsprechendem Geschick fiel der Wein gut bis sehr gut aus. In manchen Jahren sogar außergewöhnlich.
Die gemischt gepflanzten Rebstöcke verschiedener Sorten auf dem jeweiligen Höhepunkt der Traubenreife zu ernten, war für die meisten Weinbauern zu (zeit)aufwendig, und allenfalls für Mönche in klösterlichen Rebbergen im Burgund oder für fürstliche Weingüter mit entsprechendem finanziellen Background möglich.
Durch das gleichzeitige Ernten aller Rebsorten im selben Weingarten jedoch konnte man unterschiedliche Reife- und Säuregrade der einzelnen Sorten sowie klimabedingte Jahrgangsschwankungen weitgehend ausgleichen, das Risiko von Komplettausfällen minimieren, eine kontinuierliche Weinqualität und damit den Lebensunterhalt sichern.
Angenehmer Nebeneffekt: Der individuelle Charakter der einzelnen Sorten und deren unterschiedliche Reifestadien bei der Ernte ergeben ein ebenso reizvolles wie komplexes Aromenspiel im Wein. Und so ist es bis heute geblieben. Nicht umsonst gibt es den alten Spruch: "Eine Rebsorte im Weingarten ist eine Geige, der Gemischte Satz aber ist ein Orchester."
"Gemischter Satz" exklusiv österreichisch
Während sortenreine Weine ihren Siegeszug fortsetzten, gelangte der Gemischte Satz zunehmend ins Hintertreffen und hatte bald das Image eines billigen Heurigen-, Wirtshaus- und Tranklerweines. Doch dieses Image hat er inzwischen abgelegt. Längst zählt auch hier die Qualität. Und längst haben auch renommierte Winzer den Charme des Gemischten Satzes neu entdeckt und produzieren hervorragende Exemplare dieses typisch österreichischen Weines.

Obwohl der Gemischte Satz auch in Niederösterreich und der Steiermark – hier als "Mischsatz" – produziert wird, hat er vor allem in Wien eine besondere Tradition. An diese knüpften 2006 einige Wiener Winzer an. Sie gründeten die Gruppe "WienWein", die sich der Pflege und Promotion des Wiener Weines im Allgemeinen und des Gemischten Satzes im Besonderen verschrieben hat.
Im Jahr 2008 nahm die italienische Organisation Slow Food den Gemischten Satz in die sogenannte Slow Food Arche des Geschmacks auf.
2009 gelang es Österreich sogar, sich die Bezeichnung "Gemischter Satz" EU-weit exklusiv zu sichern: Kein anderes Land in der EU darf Weine so bezeichnen. Im gleichen Jahr schlossen sich einige Wiener Winzer zum "Verein zur Erhaltung und Förderung des Wiener Gemischten Satzes" zusammen.
Eine aus 2011 stammende Verordnung sieht vor, dass für einen Wiener Gemischten Satz mindestens 3 weiße Qualitätsweinrebsorten gemeinsam in einem Wiener Weingarten ausgepflanzt sein müssen, der im Kataster des Wiener Rebflächenverzeichnisses als Wiener Gemischter Satz eingetragen ist. Der größte Anteil einer Rebsorte darf nicht höher als 50 % sein, der drittgrößte Anteil muss zumindest 10 % ausmachen. In Wien sind rund 240 ha von insgesamt 490 ha Rebfläche mit Gemischtem Satz bestockt.
2013 bekam der Wiener Gemischte Satz den DAC-Status zugesprochen, der die Herkunft von Weinen über deren Rebsorte stellt. Districtus Austriae Controllatus – kontrollierte österreichische Herkunftsbezeichnung – ist ein Kürzel für österreichische Qualitätsweine mit unverwechselbarer Gebietscharakteristik. Der seit mehr als 20 Jahren propagierte DAC trägt auch dazu bei, dass der Wiener Gemischte Satz als der Inbegriff des Wiener Weins verstanden wird.
Guter und vielseitiger Speisenbegleiter
Beim Gemischten Satz denkt man in Bezug auf die Speisenbegleitung unwillkürlich an eine zünftige Heurigenjause, denn nach wie vor passt die frische, klassische Version dieses Weins gut zu kalten Platten, Blunzengröstl, Schinkenfleckerln, Fleischlaibchen oder knusprigem Schweinsbraten.
Doch die eleganten, gehaltvollen Versionen des Gemischten Satzes zeigen so hohe Klasse und Qualität, dass sie auch die feine Sterne- und Haubenküche sowie asiatische und mediterrane Klassiker gut begleiten können.

